Zwei Rekorde – die Ernten 2021/2022 und 2022/2023

Zusätzlich zum normalen Kalenderjahr gibt es in der Landwirtschaft noch das Konzept des Erntejahrs oder des landwirtschaftlichen Jahrs. Nördlich der Alpen sind diese Begriffe entweder zu reinen Verwaltungsbegriffen geworden, so können Landwirte unter Umständen ihr Steuerjahr vom Kalenderjahr abkoppeln oder das Erntejahr bezeichnet einfach das Jahr, indem eine Ernte begonnen wurde. Das Konzept eines vom Kalenderjahr unabhängigen landwirtschaftlichen Jahres begegnet uns auch in verschiedenen religiösen Erntedankfesten. Im Deutschsprachigen wird dieser Ritus meistens an einem Sonntag Anfang Oktober gefeiert, wenn die Ernte der meisten Früchte und Feldfrüchte abgeschlossen ist. Dem milderen Klima und den damit einhergehenden anderen angebauten Kulturen entsprechend, wird beispielsweise in Italien dieses Fest erst am zweiten Sonntag im November, als Abschluss des Erntejahrs, gefeiert.

Um einen Tag festzusetzen und nicht Jahr für Jahr von unterschiedlichen Daten ausgehen zu müssen, wurde in Italien das in diesen Zeitraum fallende Sancti Martini Fest als Silvestertag der annata agraria, des italienischen landwirtschaftlichen Jahres gesetzt.

Ziemlich genau um den Martinstag herum wird übrigens das wichtigste landwirtschaftliche Erzeugnis Italiens fertig. Der Most in den Fässern ist zu jungem Wein gereift.

Das italienische Erntejahr beginnt also am 12. November und endet am 11. November des folgenden Jahres.

Dieser Tradition folgend will ich beginnen, das Jahr der Ernte 2021/2022 ab Mitte November 2020 zu beschreiben. Nach der 2020/2021 Ernte, die Anfang November abgeschlossen war, folgten zwei Monate mit ergiebigen Niederschlägen. Die schon an anderer Stelle beschriebenen Düngungen und weiteren Maßnahmen konnten wir aber alle gut in dieser Phase unterbringen. Im Januar und Februar und März bekamen die Oliven einen relativ leichten „Produktions-Schnitt“.

Die Niederschlagsmenge war einigermaßen hoch im Januar und Februar, die Kälte und teilweise leichten Fröste haben die Bäume gut in ihrer Winterruhe gehalten. Die Bäume haben durch den Frost keinerlei Schäden erlitten. Auch wenn ich an dieser Stelle von Monaten in Folge mit guten Niederschlägen schreibe, muss man sich aber dennoch vergegenwärtigen, dass diese natürlich sehr gut von den flachwurzelnden Oliven aufgenommen werden und bis zu einem gewissen Grad auch in die Tiefe sickern. Tatsächlich aber sind diese guten Regenfälle trotzdem viel weniger als im langjährigen Mittel und reichen bei Weitem nicht aus, um die mittlerweile strukturellen Defizite bei den Niederschlagsmengen auszugleichen. Unsere tiefen Grundwasserleiter haben nach wie vor enorme Defizite. Um diese auszugleichen, bräuchte es mittlerweile Jahre überdurchschnittlicher Regenmengen. Eine einzelne gute Regenzeit allein hat in dieser Hinsicht leider kaum Einfluss. Außerdem werden gute Regenphasen durch die immer heißeren und trockeneren Sommer leider mehr als neutralisiert.

Unseren Bäumen ging es jedenfalls sehr gut und sie haben eine sehr gute Vegetationsphase in den Monaten von Ende März bis zur ersten großen Hitzewelle Mitte Juni erlebt. Die Blüte der Bäume, die mignola fiel überreichlich aus. Und weder in der Bestäubungsphase im Mai noch in der äußerst delikaten Phase des festen Anwachsens der neuen kleinen Früchte gab es widrige Witterungsverhältnisse, wie häufigen Regen oder ständige starke Winde.

Man soll sich ja nie zu früh freuen, aber es begann sich ein sehr gutes Jahr anzukündigen. Ab Mitte Juni stiegen die Tagestemperaturen dann weit über 30 Grad und es gab effektiv keine Niederschläge mehr. Die Bäume hörten also auf zu wachsen und ein großer Teil ihrer Photosynthese Anstrengung kam den ungezählten kleinen Steinfrüchten zu Gute. Die Hitze und Trockenheit hielten auch sehr gut mögliche Pilzerkrankungen in Schach. Außerdem erschwerten die sehr plötzlich extrem heißen Temperaturen dem Hauptschädling, der Olivenfliege das Leben ungemein. Wir haben einmal anfänglich Kaolin aufgebracht, um auf Nummer sicher zu gehen als die Oliven groß genug für einen ersten Befall waren, mussten aber im Laufe des Sommers diese Operation nicht mehr wiederholen. Die große Hitze und das Fehlen jeglicher Niederschläge wurde aber bald besorgniserregend. Zwar kommen Ölbäume viel besser mit Hitze und Trockenheit zurecht als die meisten anderen Pflanzen, aber extreme Hitze und Trockenheit machen auch ihnen zu schaffen. Und die Bäume fangen als erstes an die am wenigsten lebenswichtigen Pflanzenteile minder zu versorgen. Aus Sicht der Bäume sind das leider die Früchte. Anfangs verlangsamt sich das Wachstum der kleinen Oliven. Bei anhaltendem Hitze- und Trockenheitsstress werfen die Bäume mehr und mehr Früchte ab. Mit der Stärke der sogenannten Cascola, dem Abwerfen, bezeichnet man den Grad des Verlustes an Oliven, hervorgerufen sowohl durch die physiologischen, regulatorischen Vorgänge der Bäume, als auch durch unmittelbare externe Einflüsse. Physiologische Vorgänge bezeichnen hier den Stoffwechsel der Pflanzen, der sich an die jeweilige Umweltsituation anpasst. Externe Einflüsse sind meist starke Winde, Unwetter oder auch Schädlingsaktivität.

Unsere Bäume sind einigermaßen robust in den Sommer gegangen und litten vom regenreichen Frühjahr herkommend noch keineswegs unter Mängeln. Die großen Bäume, die meistens noch nicht bewässert werden, konnten die überdurchschnittlichen Sommertemperaturen und die Trockenheit anfangs ganz gut vertragen. Die kleineren, bewässerten Bäume kamen ohnehin gut durch die Sommerhitze. Mitte September als die Temperaturen immer noch auf Rekordniveau lagen und es immer noch keinerlei Niederschläge gab, begann jedoch leider die Cascola zuzunehmen. Die Menge der Oliven an den Bäumen war immer eine echte Rekordmenge, aber die Früchte waren nicht mehr prall und gut versorgt und die Verluste nahmen jeden Tag zu. Nach wie vor liefern in unserem Betrieb die großen, alten Bäume die mit Abstand größte Menge an Früchten. Die kleinen, oftmals erst kürzlich gepflanzten Bäume können zwar bewässert und ihre Ernte damit zu einem gewissen Grad geschützt werden, aber die Erntemenge dieser Bäume ist immer noch relativ gering. An dieser Stelle konnten wir also nichts anderes tun, als auf Regen zu hoffen.

Zu unserem großen Glück begann es um die Mitte des Monats immer wieder zu regnen. Gerade noch rechtzeitig. Die Bäume haben sich schnell und gut erholt und die Cascola pendelte sich auf ein normales Niveau ein.

Anschließend konnten wir uns im Oktober über eine so reiche Ernte freuen wie noch nie zuvor. Die Erleichterung und Freude über den guten Ausgang der Zitterpartie war nochmal größer, als wir das neue Öl zum ersten Mal verkostet haben. Extreme klimatische Bedingungen wirken sich oftmals negativ auf den Geschmack und den Duft des Olivenöls aus. Einzelne organoleptisch erfahrbare Eigenschaften werden oft viel zu stark akzentuiert. Konkret haben wir ein zu bitteres Öl befürchtet. Zum Glück war die Bitterkeitsnote – in der richtigen Balance ein entscheidendes Qualitätskriterium von Olivenöl – doch nicht übermäßig ausgebildet. Zusammen mit den Oliven von den kleineren Bäumen, die, nicht unter Trockenheitsstress leidend, ohnehin weniger Bitterstoffe in die Oliven eingelagert hatten, konnten wir schließlich ein Öl abfüllen, das eine prägnante, aber keinesfalls aus der Balance geratene Bitterkeitsnote aufwies. Das 2021er Öl ist wahrscheinlich nicht eines unserer allerbesten Öle gewesen, aber die Qualität war zweifelsohne zufriedenstellend und sehr hoch.

Das Erntejahr 2022/2023 begann in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich wie das Jahr zuvor. Wir sind mit ausreichenden Niederschlägen ins Frühjahr gestartet. Es gab zum Glück keine bösen Überraschungen durch Frost oder Hagel während der Entwicklungsphase der Blüten. Auch die Bestäubung in der Hochphase der Blütezeit verlief sehr gut.

Eine Blütenrispe hat sehr viele einzelne Blüten. Diese verschwenderisch anmutende Menge ermöglicht es der Pflanze, auch bei ungünstigem Pollenflug, dass insgesamt ausreichend viele Blüten bestäubt werden, auch wenn viele Blüten leer ausgehen. In einem Jahr mit guter Bestäubung hingegen trägt der Baum plötzlich viel mehr Fruchtansätze als er je versorgen könnte. Die reifen Oliven sind ja vielfach größer als die winzigen Blüten. In dieser Phase verliert die Pflanze fast immer einen Großteil ihrer noch winzigen Früchte. Diese sind, so klein sie auch sein mögen, schon viel schwerer als die Blüten, gleichzeitig hängen sie aber an einem äußerst zierlichen Blütenstängel. Auch schon leichte Winde können also in dieser extrem fragilen Phase einen Großteil der kleinen Früchte abbrechen. Ein schwerer Sturm oder ein sonstiges Unwetter in den ersten beiden Juniwochen – dem üblichen Zeitraum – kann also leicht eine ganze Ernte vernichten, indem einfach alle kleinen Oliven abgebrochen werden.

Diese delikate Phase im Wachstumszyklus der Oliven wird allegagione – wörtlich: Anbindung – genannt. Die Stängel der verbleibenden kleinen Oliven wachsen von Blütenstängeln zu viel dickeren und robusteren Fruchtstängeln heran, die eine Olive ausreichend ernähren und vor allem festhalten können. In der zweiten Junihälfte beginnt dann in einem ersten Schub das Anwachsen der winzigen Früchte. In dieser Phase haben die Bäume oft noch gute Feuchtigkeitsreserven von den Regenfällen im Frühjahr und die wachstumshemmende Hitze ist in der Regel noch nicht so groß wie später im Juli und August. Anfang Juli sind die kleinen Oliven dann zum ersten Mal gut sichtbar, auch wenn man ein paar Schritte zurücktritt, um einen Überblick über die ganze Pflanze zu haben. Eine erste Einschätzung der theoretisch möglichen maximalen Ernte ist erstmals zu diesem Zeitpunkt machbar.

Ab jetzt ist man nur noch in der Defensive. Mehr Oliven als jetzt, werden es nie mehr in diesem Jahr! Es werden im Gegenteil jeden Tag weniger. Alle agronomischen Maßnahmen von jetzt an zielen darauf, die Cascola so gering wie möglich zu halten. Viel, oft das meiste, hängt aber vom Wetter ab.

Die Ausdünnung unserer Oliven, das Festwachsen und das erste Größenwachstum verliefen zufriedenstellend.

Die Bäume hingen Anfang Juli 2022 bei Weitem nicht so voll wie im Jahr zuvor, aber die Menge der Oliven war nach wie vor zufriedenstellend.

Leider haben dann die neuerliche Rekordhitze und die neuerliche Rekordtrockenheit einen traurigen Tribut gefordert. Nie dagewesene Hitzerekorde vor allem absurd hohe Nachttemperaturen und absolut null Niederschlag über Monate haben leider für enorme Verluste gesorgt. Als es in der ersten Septemberwoche effektiv immer noch nicht geregnet hatte, war es durchaus nicht unrealistisch, von einem Totalverlust auszugehen. Weitere zehn Tage Trockenheit und Hitze hätten wahrscheinlich dafür gesorgt, dass die Bäume fast alle Früchte abgeworfen hätten.

Am 8. September kam dann eine gewisse Erlösung. Die schweren Regenfälle richteten zwar auch eine Menge Schäden an, aber sie haben auch den Rest der Ernte gerettet. Bis zum Ende der Ernte in den ersten Novembertagen hat es dann immer wieder geregnet und die Menge der Oliven blieb in etwa stabil während der letzten Wachstums- und Reifephase.

Zu ergiebige Regenfälle in dieser letzten Zeit haben übrigens auch sehr negative Auswirkungen auf die Ernte. Die Ölanreicherung in den Früchten wird stark beeinträchtigt, wenn im Stoffwechsel der Pflanzen eine überdurchschnittliche Menge Wasser zirkuliert. Außerdem halten die vom Wasser aufgequollenen Zellen in den Stängeln die Oliven viel weniger stark fest. Ein Starkregen oder ein Sturm kann dann leicht auf den letzten Metern die halbe Ernte abschütteln. Zum Glück hatten wir nicht auch noch mit dieser Widrigkeit

zu tun.

Am Ende haben unsere großen Bäume in etwa genauso viel produziert wie unsere kleineren, bewässerten Ölbäume. Die große Intensität an Bitterkeit und Schärfe, die das Öl von den Oliven der großen Bäume charakterisierte, stand mengenmäßig einer gleichen Ausbeute von den Oliven der kleineren Bäume gegenüber. Der Blend aus diesen beiden Ölen hat wirklich erstaunliche Eigenschaften. Unser heuriges Extra Vergine Olivenöl zeichnet sich durch eine intensive Fruchtigkeit aus. Wir schmecken verschiedene grüne Früchte und Gemüse, das Öl hat eine feine Bitterkeit und eine klare aber nicht überlagernde pfeffrige Schärfe, vor allem im Abgang. Der Duft ist außergewöhnlich intensiv. Wenn sich die Aromen nach dem Öffnen der Flasche am Sauerstoff der Luft und in der Wärme des Zimmers etwas entfalten konnten, steigt uns ein intensiver Duft von frisch geschnittenem Gras und von frisch geschälten Artischocken in die Nase.

Liebe Freunde, denken Sie unbedingt daran unsere Flaschen gut zu lagern, auf dass das Öl möglichst lange seine organoleptischen Eigenschaften behält. Trocken und dunkel lagern, zwischen 12 und 18 Grad Celsius wäre ideal! Sonnenlicht und große Wärme müssen unbedingt gemieden werden. Zu warm ist viel schlechter fürs Öl, als zu kalt.

Das 2022/2023er Extra Vergine Olivenöl ist vielleicht unser bestes Öl, in all den Jahren.

Die wunderbare Qualität muss uns über einen leider weiteren, traurigen Rekord hinweghelfen. Die oben beschriebenen Ernteeinbußen haben dafür gesorgt, dass die Menge des heurigen Öls tatsächlich nur ein Viertel der Menge des letztjährigen Öls ist.

Und trotzdem muss man sagen, wir hatten noch Glück. Etliche unserer Nachbarn und Kollegen haben auf Grund der Ausfälle in diesem Jahr völlig aufs Ernten verzichtet.

Buon Apetito.

P.S.

Im letzten Erntebericht bin ich einigermaßen ausführlich auf die fürchterliche Situation mit den Xylella-befallenen Ölbäumen in Apulien eingegangen.

Zwar schreitet die Seuche permanent voran, mittlerweile allerdings in deutlich langsamerem Tempo. Es gibt noch vereinzelte Urteile, die Bekämpfungsmaßnahmen stoppen, aber die große Anmaßung der vergangenen Jahre, als sich ungezählte Juristen ständig selbst zu Experten beförderten und die aus wissenschaftlicher Sicht gebotenen Maßnahmen regelmäßig aushebelten, ist im Großen und Ganzen vorbei. Die Früherkennung wird immer effektiver und die zuständigen staatlichen Organe schaffen es tatsächlich immer besser notwendige Maßnahmen, z.B. Rodungen, durchzusetzen. Keineswegs ist die Gefahr gebannt, wenigstens von uns aus wirkt es im Moment aber so, als wäre Xylella Fastidiosa Pauca in absehbarer Zeit nicht unsere drängendste Sorge.

Das klingt glücklicherweise etwas optimistischer als im letzten Artikel.